Kirsten Heisig

01.03.2011




Teleschau


zurück zur Auswahl


von Sabine Metzger

(...) "So jemand bringt sich doch nicht um!" Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky war erschüttert, als im Juli 2010 die Jugendrichterin Kirsten Heisig erhängt aufgefunden wurde. Mit seinem Gefühl war er nicht alleine. Noch heute wimmelt es im Internet von Verschwörungstheorien, die Mordszenarien aufbauen. Doch die Obduktion schloss ein Fremdverschulden aus - so jemand hatte sich umgebracht. Jemand, der gerade kurz vor der Veröffentlichung des ersten Buches stand, jemand, der begeistert war von Fußball und Tanz, jemand, der alles mit großem Engagement anging. Tatsächlich fällt es schwer, das zu glauben. Doch die TV-Journalisten Nicola Graef und Güner Balci sind sicher, dass Heisig auch eine verborgene, sehr verletzliche Seite hatte. Das Erste zeigt nun ihre Dokumentation "Tod einer Richterin".

(...)

Mit ihrer Haltung machte sie sich längst nicht nur Freunde. Von der Presse als "Richterin Gnadenlos" tituliert, war sie für strenge, schnelle Urteile bekannt. "Dadurch, dass sie sich so stark auf die Szene einließ, kannte sie alle Tricks der Angeklagten, wie beispielsweise erkaufte Alibis", erklärt Filmemacherin Graef. "Sie wurde respektiert von den Tätern, war aber nicht beliebt. Viele Jugendliche hatten auch Angst vor ihr." Auch unter Kollegen wurde sie nicht nur geschätzt - vielen war das sogenannte "Neuköllner Modell" der schnellen Verfahren zu anstrengend.

Und die Privatperson Heisig? Die schien es kaum zu geben. "Im Grunde sind die beiden Ebenen nicht zu trennen: Ihr Charakter war der Motor hinter ihrem Engagement", erklärt Graef.

(...)

Für ihren Film sprachen Balci und Graef mit Jugendlichen, die Heisig verurteilt hat, mit Freunden und Kollegen - "Das geht bei ihr ineinander über", sagt Graef - sowie mit anderen Weggefährten. Sie zeichnen das Bild einer energischen Frau, die das Leben liebte. Heinz Buschkowksy etwa erinnert sich an eine Episode, in der Heisig auf einer Dienstreise durch England in einem voll besetzten Pub das Fernsehgerät eroberte: Während einer Fußballübertragung marschierte die Fußballfreundin zum Gerät und schaltete auf einen deutschen Sender um. Als ihr einmal kurz vor einem Ball der Tanzpartner abhandengekommen war, ließ sie kurzerhand einen alten Freund einfliegen.

"Kirsten Heisig führte ein über-, fast schon hyperaktives Leben", fasst Nicola Graef zusammen. Vielleicht ist ihr irgendwann einfach die Kraft ausgegangen. Vielleicht wurde die verletzliche Kirsten Heisig von der starken Kämpferin für Gerechtigkeit zu sehr an den Rand gedrängt. Viel mehr als Spekulation bleibt nicht: Graefs und Balcis Film liefert keine endgültigen Antworten - aber einige neue Perspektiven.

zurück zur Auswahl